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Heilung durch Transplantation fötaler Gehirnzellen bei der Huntington-Krankheit?

12.März 2005

Kommentar von Prof. Dr. Landwehrmeyer, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der DHH, zu einem Artikel, der in mehreren deutschen Tageszeitungen unter dem Titel "Hirnforscher bremsen den Veitztanz" auf die Huntingtonforschung aufmerksam machte. Wir drucken den Artikel mit freundlicher Genehmigung des Autors Michael Simm im Anschluss an die Ausführungen von Herrn Prof. Dr. Landwehrmeyer ab.

Huntington Kurier / 1 - 2001

Am 9. Dezember 2000 erschien in der englischen Medizin-Fachschrift 'Lancet' ein Bericht über die Erfahrungen französischer Ärzte um Marc Peschanski mit der Verpflanzung von Nervenzellen aus Föten in das Gehirn von Patienten mit der Huntington-Krankheit (HK)1 . Dieser Bericht wurde von vielen Tages- und Wochenzeitungen aufgegriffen und hat zu zahlreichen Gesprächen und Nachfragen bei Betroffenen und ihren Angehörigen geführt. Nicht immer ist in der Presse die Untersuchung vollständig berichtet worden. Aus diesem Grund lohnt es sich, die Beobachtungen der französischen Kollegen noch einmal etwas ausführlicher darzustellen. Vielfach waren die Presseberichte so gehalten, als führe Transplantation zur Heilung der HK. Es ist deshalb am Platz, zum Sinn, den Grenzen, den Gefahren und den Problemen der Transplantation fötaler Zellen bei der HK Stellung zu nehmen.

Hintergrund der Untersuchung von Marc Peschanski und Kollegen

Bei der HK ist ein Verlust von Nervenzellen in einer Gegend des Gehirns besonders augenfällig. Die besonders betroffene Gehirngegend wird wegen ihres Schweif-ähnlichen Aussehens auch als Schweifkern oder Striatum bezeichnet. Es lag nahe zu fragen, ob die Übertragung neuer Nervenzellen ('Transplantation') die Folgen des Nervenzellverlusts ausgleichen und damit die Krankheit bessern kann. Zur Transplantation eignet sich allerdings nur wachstumsfähiges Gehirngewebe, das bei dieser Studie aus dem Gehirn von abgetriebenen Kindern ('fötales Hirngewebe') stammte.

Was wurde gemacht?

Untersucht wurden 5 Personen mit der HK, die zunächst in das rechte, ein Jahr später auch in das linke Striatum fötales Hirngewebe eingepflanzt bekommen haben. Auf jeder Seite wurden 4 oder 5 Transplantate eingebracht. Als Transplantate wurde die Anlage für das Striatum von abgetriebenen Kindern im Alter von 7,5 - 9 Wochen verwendet. Zur Vermeidung einer Abstoßung des fremden Gewebes wurden Medikamente gegeben (Ciclosporin A; Azathioprin; Steroide). Insgesamt wurden die Studienteilnehmer 4 Jahre lang begleitet. Bereits vor der Transplantation wurden alle Patienten für mindestens 2 Jahre beobachtet, um so eine Vorstellung vom Krankheitsverlauf bei jedem Einzelnen zu bekommen, ebenso für ein Jahr nach der

Was wurde beobachtet?

 

  1. Bei 3 von 5 Patienten scheinen die Transplantate eingewachsen zu sein.
  2. Bei diesen 3 Patienten zeigte sich ein verbesserter Stoffwechsel des Striatums (gemessen mit FDG-PET)
  3. Passend dazu verschlechterte sich die Motorik dieser 3 Patienten nicht wesentlich weiter; ein Patient, der allerdings seine antichoreatischen Medikamente absetzte, zeigte sogar eine Tendenz zur Besserung der unwillkürlichen Bewegungen und der Verlangsamung.
  4. Auch die geistige Leistungsfähigkeit (gemessen mit neuropsychologischen Tests) schien bei diesen 3 Patienten nicht wie bei Kontrollen abzunehmen
  5. Der Gesamtzustand (gemessen mit Hilfe der Skala TFC) schien bei diesen 3 Patienten über 3 Jahre recht stabil geblieben zu sein

 

Welche Schlüsse ziehen Marc Peschanski und Kollegen aus ihrer Untersuchung?

Die Autoren bewerten ihre Studie vorsichtig. Ihre Schlussfolgerung ist, dass "die Verpflanzung fötaler neuronaler Fremdzellen bei HK mit Verbesserungen der Funktion, der Motorik und der Kognition vergesellschaftet seien könnte". Sie sagen deutlich, dass ein günstiger Verlauf nur bei 3 der 5 transplantierten Huntington-Kranken beobachtet wurde. Sie halten eine große multizentrische Studie für erforderlich um zu klären, ob die Transplantation fötaler striataler Zellen sich tatsächlich zur Behandlung der HK eignet. Die Stabilisierung des Krankheitsverlaufs bei 3 Patienten rechtfertigt aus ihrer Sicht eine solche Studie.

Kommentar

Die Studie ist sorgfältig durchgeführt und wird mit der gebotenen Zurückhaltung gedeutet. Bei 2 von 5 Patienten scheinen die Transplantate nicht eingewachsen zu sein. Bei 3 Patienten mit eingewachsenem Transplantat schien der weitere Krankheitsverlauf günstig beeinflusst zu werden. Allerdings ist der Beobachtungszeitraum (1- 2 Jahre nach beidseitiger Transplantation) noch zu kurz, um von einem anhaltenden Erfolg sprechen zu können.

Kann man eine Transplantation fötaler Gehirnzellen bei der HK empfehlen?

Die Untersuchung von Peschanski und Mitarbeitern macht einige der Grenzen und Probleme der Transplantation bei der HK deutlich. Zur Zeit ist es auch in der Hand von Erfahrenen nicht möglich, bei jedem Patienten ein Einwachsen der übertragenen Nervenzellen zu sichern. Peschanski und Mitarbeitern gelang dies bei 3 von 5 Transplantierten. Zudem stellt sich das Problem, dass Spendergewebe nur sehr begrenzt verfügbar ist. Da in unserer Gesellschaft keine Einigkeit darüber besteht, ob Zellen von abgetriebenen Kindern für medizinische Zwecke genutzt werden dürfen, ist nicht abzusehen, dass sich die Verfügbarkeit solcher Zellen verbessert. Transplantation als Operation am Gehirn ist nicht ohne Risiko. Vor allem an die Gefahr von Hirnblutungen muss gedacht werden. Glücklicherweise erlitt keiner der von M. Peschanski betreuten Patienten diese Komplikation. Auch die nach gegenwärtigem Kenntnisstand erforderliche Medikamentenbehandlung zur Vermeidung von Abstoßungen hat unerwünschte Wirkungen (z. B. Leberschädigung), die durch die Vorteile der Transplantation aufgewogen werden müssen. Welche Vorteile die Übertragung neuer Nervenzellen bei der HK tatsächlich hat, ist noch ungeklärt. Darin liegt in meinen Augen auch ein wichtiger Grund für Zurückhaltung bei der Bewertung dieser Behandlung. Im Verlauf der HK nimmt das Gehirngewicht im Schnitt um 250 g ab. Ob die Transplantation von einigen Gramm fötalen Hirngewebes diesen Verlust funktionell ausgleichen kann, ist eine offene Frage, zumal der Nervenzellverlust nicht auf das Striatum beschränkt ist. Anders als z. B. bei der Zuckerkrankheit, die durch Mangel an Insulinherstellenden Zellen entsteht und durch eine Verpflanzung von Insulinbildenden Zellen geheilt wer-den kann, ist bei der HK eine Heilung durch neue Zellen nicht möglich. Die schädigende Wirkung des veränderten Huntingtins in den verbleibenden Gehirnzellen wird durch dazukommende neue, gesunde Zellen nicht aufgehoben. Es leuchtet ein, dass der Ersatz abgestorbener Zellen einige Beschwerden der HK bessern kann: Welche, wie sehr und wie lange ist allerdings noch unbekannt. Eine Möglichkeit der Zukunft könnte die Anregung körpereigener Stammzellen im Gehirn von Huntington-Kranken bringen. Diese Stammzellen sollten in der Lage sein, neue Nervenzellen zu bilden. Allerdings ist noch nicht erforscht, ob und wie dies bewerkstelligt werden kann und wie gesund diese Zellen bei der HK sind.

Zusammenfassung

Aus Sicht des Autors ist es nicht wahrscheinlich, dass sich die Transplantation fötaler Zellen als Behandlung der HK durchsetzen wird. Gegen eine breite Anwendung der Transplantation fötaler Zellen spricht die begrenzte Verfügbarkeit von Spendergewebe und die Uneinigkeit in der Gesellschaft, ob es ethisch vertretbar ist, Gewebe von Föten zur Transplantation einzusetzen. Zudem ist noch nicht geklärt, welchen tatsächlichen Nutzen die striatale Transplantation fötaler Zellen bei einer Erkrankung hat, bei der ein Nervenzellverlust in vielen Hirnregionen, nicht nur im Striatum, beobachtet wird. Die weitere Beobachtung der erfolgreich transplantierten Patienten wird helfen, diese wichtige Frage zu beantworten. Bis zur Klärung dieser Fragen sollten die Hoffnungen auf Transplantation zur Behandlung der HK nicht zu hoch geschraubt werden.

Prof. Dr. G. Bernhard Landwehrmeyer, Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der DHH

Hirnforscher bremsen den Veitstanz

1 Bachoud-Levi AC, Remy P, Nguyen JP, Brugieres P, Lefaucheur JP, Bourdet C, Baudic S, Gaura V, Maison P, Haddad B, Boisse MF, Grandmougin T, Jeny R, Bartolomeo P, Dalla Barba G, Degos JD, Lisovoski F, Ergis AM, Pailhous E, Cesaro P, Hantraye P, Peschanski M. (2000). Motor and cognitive improvements in patients with Huntington's disease after neural transplantation. Lancet 356: 1975-9.

 
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